Jodorowsky’s Dune

Einigen Cineasten gilt Jodorowsky‘s „Dune“ als größter Film, der nie gemacht wurde. Die unsichtbare Mutter aller Science-Fiction-Filme entstand unter Einfluss von LSD und sollte auf die Zuschauer auch so einwirken: bewusstseinsverändernd. Überbleibsel des Projekts finden sich in Filmen wie „Alien“, „Blade Runner“, „Das fünfte Element“ und – ja, vielleicht auch in „Star Wars“.

Mitte der Siebzigerjahre wurde Alejandro Jodorowsky von seinen Produzenten ein Millionenetat zur freien Verfügung in Aussicht gestellt. Intuitiv entschied sich der jüdisch-chilenisch-mexikanisch-französische Regisseur für die Verfilmung des Sci-Fi-Klassikers „Dune – Der Wüstenplanet“. Dabei hatte er den Roman von Frank Herbert noch nicht einmal gelesen. Aber ein Freund hatte ihm davon erzählt, und das Gehörte klang großartig.

Es heißt, Halluzinogene wie Meskalin, Psilocybin und LSD steigern das Vorstellungsvermögen. Mit allen drei Substanzen hatte Jodo ausreichend Erfahrungen gesammelt. Mit „Dune“ wollte er nun einen Film machen, der selbst bewusstseinserweiternd wirkt: „Ich wollte einen Film machen, der LSD-Halluzinationen auslöst – nur völlig ohne LSD – um das Bewusstsein der ganzen Welt zu verändern.“

In der Manipulation der Zuschauergunst besaß Jodorowsky tatsächlich einiges an Übung. Bereits mit seinem ersten Spielfilm „Fando y Lis“ brachte er das mexikanische Publikum gegen sich auf, bis hin zu Morddrohungen. Es folgte der surrealistische Meskalin-Western „El Topo“, der in den Vereinigten Staaten das Genre des Midnight-Movies begründete. Die Besetzung wirkte wie das Ensemble in Tod Brownings „Freaks“, der Hauptheld war eine Albtraumversion von Lucky Luke. Der wirre Streifen lief sechs Monate lang immer um Mitternacht im New Yorker Kino „Elgin“ und traumatisierte ganze Chargen zugekiffter Kinogänger, darunter Peter Gabriel und John Lennon.

Lennon besorgte dann auch das Geld für den nächsten Schocker: „Montana Sacra – Der heilige Berg“. Die Handlung des Films wurde durch Kartenlegen bestimmt und verliert sich in symbolisch aufgeladenen, aber unvergesslichen Einstellungen und Szenen. So lässt Jodorowsky beispielsweise auf einem Friedhof einen Priester oder Dealer eine psychedelische Predigt schwafeln: „The cross was a mushroom. And the mushroom was also the Tree of Good & Evil. The philosophical stone of the alchemists was LSD. The Book of the Dead is a trip. And the Apocalypse describes a mescaline experience.“

Jeder neue Film spielte mehr ein, als der vorangegangene. Mit „Dune“ wollte Alejandro Jodorowsky nun die ganz große Nummer landen – den FILM schlechthin. Hierzu suchte er nach geeigneten Weggefährten („Spiritual Warriors“), die seine Vision teilten und umsetzen helfen sollten.

Der begabte Comiczeichner Jean „Mœbius“ Giraud zeichnete das Storyboard. Der amerikanische Filmtechniker Dan O‘Bannon („Dark Star“) sollte die Special Effects übernehmen. Der damals nur Insiderkreisen bekannte Schweizer Künstler HR Giger und der englische Sci-Fi-Illustrator Chris Foss steuerten Entwürfe für gewagte Raumschiffe und Raumstationen bei. Progressive Bands wie Pink Floyd, Tangerine Dream und Magma sowie Mike Oldfield und Karlheinz Stockhausen sollten jeweils einen eigenen Soundtrack abliefern. Auch das Casting fiel bescheiden aus. Für die Hauptrollen waren David Carradine (als Paul Atreides), Mick Jagger (Feyd-Rautha), Orson Welles (Baron Harkonnen) und Salvador Dalí (Padischda-Imperator) vorgesehen.

Die Vorbereitung des Projekts hatte bereits $2 Millionen der veranschlagten 9,5 Millionen Dollari verschlungen – ohne dass überhaupt ein Zentimeter Film entstanden war. Nach dem letzten Stand der Dinge hätte das Werk 14 Stunden gedauert, es wäre demnach ein Kino-Mehrteiler geworden. Jodorowsky war die Sache todernst. Für die Fertigstellung des Films hätte er damals seine beiden Arme, ach was, sein Leben geopfert, sagte er später. Aber alle angefragten Hollywood-Studios, die man für den weltweiten Vertrieb gebraucht hätte, lehnten ab. Mehrstündige Kriege zwischen intergalaktischen Imperatoren und planetaren Freiheitskämpfern? Wer will das sehen? Die Produzenten zogen 1976 die Notbremse und legten das Projekt zu den Akten. Im Jahr 1977 kam dann der erste Teil von „Star Wars“ in die Kinos…

Immerhin hatte Jodorowsky verschiedene Künstler miteinander bekannt gemacht. HR Giger, Chris Foss und Dan O’Bannon arbeiteten 1979 zusammen an „Alien“. Mœbius beeinflusste die Ästhetik von Ridley Scotts „Blade Runner“. Jodorowsky wiederum wurde Comic-Autor und startete gemeinsam mit Mœbius die Graphic-Novel-Reihe DER INCAL: „Ohne diesen Fehlschlag hätte ich die Comics nie gemacht.“ Und Mœbius: „DER INCAL ist im Grunde die Verwirklichung von DUNE.“

Irgendwie hat Jodorowskys „Dune“ dann doch die Welt verändert.

„I wanted to make something sacred, a film that gives LSD hallucinations – without taking LSD – to change the young mind of all the world.“

Quelle
Frank Pavich: Jodorowsky’s Dune (Dok-Film), USA/F 2013.

Advertisements

Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.