Made in ČSSR: Lysergamid

Die Schweizer Sandoz war mit Delysid® nicht der einzige Hersteller von LSD. Die tschechoslowakische Pharmafirma Spofa produzierte zwischen 1962 und 1974 mit Lysergamid® ein eigenes Präparat, das auch in andere Ostblockländer (darunter die DDR) exportiert wurde.

Als einer der ersten im Ostblock führte der tschechische Hirnforscher Jiri Roubiček, Professor der Psychiatrie an der Karls-Universität Prag, ab 1955 Studien mit LSD durch. Roubiček interessierte sich weniger für die Halluzinationen und Assoziationsketten seiner Probanden. Sein Interesse galt eher der Wirkung des LSD auf die elektrische Aktivität des Gehirns. Dazu verabreichte er den freiwilligen Teilnehmern einmalig eine hohe Dosis LSD, zeichnete deren Hirnwellen auf und unterzog sie Reaktionstests.

Eine Forschergruppe unter der Leitung von Dr. Miloš Vojtěchovský untersuchte die Wirkungen diverseer psychedelischer Substanzen wie LSD (made in ČSSR‬), Meskalin, Psilocybin, Dimethyltryptamin und sogar Adrenochrom an Freiwilligen. Ein weiterer tschechischer Arzt, Dr. Milan Hausner, behandelte von 1956 bis 1974 über 300 Patienten in rund 3000 LSD-Sitzungen.

Unter den Freiwilligen in diesen LSD-Tests waren auch Künstler, wie der Schauspieler Boris Hybner und der Maler Jiří Anderle. Der Schlagersänger Karel Gott nahm an einer LSD-Sitzung im Psychiatrischen Forschungsinstitut Bohnice teil und konnte sich plötzlich an vergessen geglaubte Szenen aus seiner Kindheit erinnern. Oh sag mir doch, was ist mit uns denn nur geschehen?

Stanislav Grof war als junger Assistenzarzt ebenfalls an diesen Studien beteiligt. Zusammen mit seinem Bruder Pavel machte Stanislav im Herbst 1956 seine erste LSD-Erfahrung: „Ich hatte das Gefühl, dass ein göttlicher Blitzstrahl mein bewusstes Selbst aus meinem Körper katapultierte. Die Assistentin, das Labor, die psychiatrische Klinik und Prag verschwanden ganz aus meinem Wahrnehmungsfeld und schließlich der ganze Planet. Mein Bewusstsein dehnte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit aus bis in kosmische Dimensionen. Es gab zwischen mir und dem Universum keinerlei Grenzen oder Unterschiede mehr.“

Grof blieb beim LSD und stellte fortan seinen Forschungseifer in den Dienst der psychedelischen Substanz. Im Jahr 1967 wechselte er als Stipendiat an die Johns Hopkins Universität in Baltimore, Maryland. Wegen des Prager Frühlings blieb er in den USA.

Im Jahr 2006 verlieh Václav Havel dem Bewusstseinsforscher Stanislav Grof für „die Erforschung und Beschreibung tiefer Regionen der menschlichen Psyche“ den Preis „Vize 97“ (Vision 97). Der vormalige Präsident der Tschechischen Republik hatte den Preis selbst gestiftet und erstmals den amerikanischen Neurochirurgen Karl Pribram damit ausgezeichnet. Der Neurowissenschaftler Pribram hatte in den Sechzigerjahren mit dem Quantenphysiker David Bohm ein holographisches Gehirnmodell entwickelt.

Auch bei Vaclav Havel gibt es Verbindungen in den psychedelischen Kosmos, wobei unklar bleibt, ob er selbst auch genascht hat. In den Siebzigern war Havel mit einigen Mitgliedern der tschechedelischen Band „Plastic People of the Universe“ befreundet. Die Band hatte sich nach dem Prager Frühling gegründet und orientierte sich an der Musik von Velvet Underground und Frank Zappa. Als die kommunistische Regierung 1976 einige Mitglieder der „Plastic People of the Universe“ verhaftete, startete Havel die Petition „Charta 77“, aus der die gleichnamige Bürgerrechtsbewegung hervorging.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 gab sich Vaclav Havel als oberster Rockfan seines Landes zu erkennen. Als frisch gewählter Präsident der Tschechoslowakei empfing er nacheinander Frank Zappa (Zappa im Anzug mit Schlips, der Präsident im Pullover), Lou Reed und die Rolling Stones auf der Prager Burg.

Havels surrealer Trip nach Moskau im Jahr 1992 fand aber nüchtern statt: „Warum musste ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von so absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml? Manchmal sage ich mir, dass ich mein Leben wohl nur träume und sehr bald aus alldem erwache…“

Quelle
– Stanislav Grof: Topographie des Unbewussten, Stuttgart 1978.
– Pavel Křemen: LSD made in ČSSR‬, Česka Televize 2015.
– Vaclav Havel: Zappa lebt! Der Freund (1993), taz vom 4.12.2003
– Lucius Wertmüller: Dr. Stanislav Grof: Kartograf des Bewusstseins, Basler Psi-Verein, 21.1.2015.

Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.