Psychedelische Konzeptalben

Ende der Sechziger muss irgendwas im Londoner Trinkwasser gewesen sein. Mehrere Musiker fühlten sich dazu berufen, ihre Langspielplatten als in sich geschlossene Kunstwerke zu präsentieren oder gleich als Oper auf die große Bühne zu bringen. Die Rockmusik sollte als ernstzunehmende Kunstform gelten und die Grenzen zwischen Populär- und Hochkultur verwischen.

1) The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Mai 1967)

Die Fab Four hatten das ewige Touren, das alles übertönende Gekreische der Fans und die „Beatlemania“ so satt, dass sie sich ins Studio zurückzogen und beschlossen, eine Alter-Ego-Combo namens Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band auf die Beine zu stellen. Letztlich hielten sie die Konzeptidee nicht durch, dennoch schrieb das opulente Album Geschichte.

Anspieltipps: Titel 1 bis 13

2) Mark Wirtz: A Teenage Opera (Juli 1967; 1996)

Der in Straßburg geborene Tausendsassa Mark Wirtz hatte die Idee, aus mehreren Popsongs einen Album umspannenden Liederzyklus zu schmieden. Mit dem Instrumentalstück „A Touch Of Velvet (A Sting Of Brass)“ war ihm unter dem Projektnamen Mood Mosaic bereits ein internationaler Hit gelungen, so dass er nun selbstbewusst etwas Größeres in Angriff nehmen konnte. Zusammen mit Keith West, Sänger der psychedelischen Popband Tomorrow, schrieb er ein Lied, dass vom Titel her klar machen sollte, dass da noch mehr folgen würde: „Grocer Jack – Excerpt From A Teenage Opera“. Aufgenommen übrigens in den Abbey Road Studios, während angeblich nebenan die Beatles an ihrem Konzeptalbum „Sgt. Pepper“ werkelten. Die Single über den verstorbenen Inhaber eines Krämerladens wurde ein großer Hit, nicht zuletzt dank der Hilfe von John Peel, der den Song mit seiner Show „Perfumed Garden“ im Piratradio bekannt machte. Doch dabei blieb es. Es folgte weder ein Album, noch kam zeitnah eine Teenage-Opera zur Aufführung.

3) Nirvana: The Story of Simon Simopath (Okt. 1967)

Chris Blackwell, Chef von Island Records, musste ein grenzenloses Vertrauen in die Fähigkeiten der beiden Jungspunde Patrick Campbell-Lyons und Alex Spyropoulos besessen haben, denn deren Band Nirvana debütierte 1967 mit nichts Geringerem als einem Konzeptalbum. Die Geschichte handelt laut englischsprachiger Wikipedia von Simon Simopath, der in der Schule unbeliebt ist und von Engelsflügeln träumt. Als Erwachsener erleidet er einen Nervenzusammenbruch, freundet sich mit einem Kentauren an und verliebt sich schließlich in eine kleine Göttin namens Magdalena. So weit, so dämlich. Vermutlich wollte die Band auf den Zug der Beatles aufspringen und schusterte unter Zeitdruck ein Konzeptalbum zusammen. Wer den Psychedelic Pop von Pink Floyds „See Emily Play“ mag, wird hier immerhin gut bedient.

Anspieltipp: Bonustrack „Requiem to John Coltrane“

4) The Rolling Stones: Their Satanic Majesties Request (Dez. 1967)

Die Stones orientierten sich eine Zeitlang gern an den Beatles. Mit ihrem ersten selbstproduzierten Album nun wollten die Stones nichts weniger als das Album des Jahres („Sgt. Pepper“) übertrumpfen. „Their Satanic Majesties Request“ geriet zu einer plumpen Kopie desselben, wie man schon am Plattencover sieht. Keith Richards bezeichnete es in seiner Autobiografie sogar als Parodie. Nichtsdestotrotz enthält die Platte viele zeitlos schöne Nummern, wenn man von den beiden Versionen des unsinnigen „Sing This All Together“ mal absieht.

Anspieltipp: „She’s a Rainbow“ mit Nicky Hopkins am Klavier

5) The Small Faces: Ogdens’ Nut Gone Flake (31. Mai 1968)

Ein großer Teil der Songs entstand während einiger Trips – einiger Boot-Trips auf der Themse nämlich. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf die Liverpooler Tabakmarke „Ogdens’ Nut-Brown Flake“. In deren Metalldose bewahrten die Faces ihr Marihuana auf (darum „Nut-Gone“), das sie während der Bootsfahrt rauchten. Das Konzept bleibt unklar. Die A-Seite besteht aus feinstem Acid-Rock, während die B-Seite die Märchen-Suite von „Happiness Stan“ erzählt, der sich auf die Suche nach der fehlenden Mondhälfte macht. Warum auch immer.

Anspieltipps: „Lazy Sunday“, „Afterglow“ und „Song of a Baker“

6) The Kinks Are the Village Green Preservation Society (Nov. 1968)

Die Platte ist eine nostalgische Hommage an das beschauliche englische Landleben mit seinen Schafweiden, Dampflokomotiven und blauem Himmel, dessen Verschwinden betrauert wird. Damit wirkte das Album bereits zur Entstehungszeit eher altmodisch. Die Aufnahmen zogen sich fast zwei Jahre hin. Am Ende flog mit „Days“ der einzige potenzielle Hit aus der Titelliste und das Album floppte. Heute klingt „Village Green“ angenehm eingängig, wie fast alles von den Kinks jener Ära. Manche Dinge reifen eben wie guter Wein.

Anspieltipp: „People Take Pictures of Each Other“

7) The Pretty Things: S.F. Sorrow (Dez. 1968)

Die chaotischen Cousins der Rolling Stones hatten einen Deal beim amerikanischen Label Motown Records ergattert. Twink, Drummer der inzwischen aufgelösten Band Tomorrow, war kurzzeitig dazugestoßen und brachte frischen Wind in die Gruppe. Von ihm kam wohl auch die Idee mit der Rockoper, schließlich hatte sein Bandkollege Keith West im Jahr zuvor den Auftakt zu einer „Teenage Opera“ geliefert (siehe Punkt 2). Das Album handelt von Sebastian F. Sorrow und schildert sein Leben von der Geburt über die erste Liebe und die Armeezeit bis ins hohe Alter. Das Album um „Sebastian Trübsal“ floppte aus verschiedenen Gründen, gilt aber immerhin als erste verwirklichte Rockoper der Musikgeschichte.

Anspieltipp: „Private Sorrow“ – Twink auf dem Marcel-Marceau-Trip

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Wird fortgeführt…

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.