Woodstock Fünfzig

Vom 15. bis 18. August 1969, also vor genau 50 Jahren, fand das berühmte Woodstock-Festival statt. Rund 400.000 Besucher strömten zu dem Großereignis und schufen für ein Wochenende die zweitgrößte Kommune im Staate New York. Neben Love, Peace & Understanding gab es auch viel LSD.

Offiziell trug das Festival die bandwurmartige und damit zeitgemäße Bezeichnung „Woodstock Music & Art Fair presents An Aquarius Exhibition – 3 Days of Peace & Music“. Allerdings fand die Veranstaltung weder in Woodstock statt, noch dauerte sie drei Tage. Nachdem die Einwohner von Woodstock keine Lust auf eine angekündigte Invasion der Hippies hatten, musste man kurzfristig umdisponieren. Im etwa 70 Kilometer entfernten Bethel fand man schließlich einen neuen Veranstaltungsort. Sowohl Woodstock als auch Bethel liegen in den verträumten Catskill Mountains, wo sich Großstädter erholen und wo einst Rip Van Winkle in einen zwanzig Jahre anhaltenden, magischen Schlaf gefallen war.

Als Sicherheitsdienst und Deeskalationsmanager beauftragten die Organisatoren ausgerechnet einen Hippie-Clown und dessen kalifornische Aussteigerkommune, die Hog Farm. Hugh Romney alias Wavy Gravy kam aus dem Umfeld der Grateful Dead und war ein Mitglied der Merry Pranksters. Mit bunt bemalten Schulbussen trafen die Kommunarden auf dem Gelände ein, bekochten die Besatzung und kümmerten sich fortan in Ausnüchterungszelten um Psychonauten auf einem bad trip. (Warnung von der Bühne: „The brown acid, that is circulating around us, is not specifically too good.“) Als erfahrene Acidheads wussten die Hog-Farmer Bescheid. Man redet beruhigend auf die verängstigten Seelen ein, hält Händchen und navigiert das ziellose Bewusstsein mit Worten durch den Trip. Danach wurden die ausgenüchterten Patienten ihrerseits als Tripsitter verpflichtet, wobei sie die eben gemachten Erfahrungen an das nächste Drogenopfer weitergeben konnten. Es lebe die Solidarität!

Einer, der in Woodstock sogar direkt auf der Bühne trippte, war Carlos Santana. Jerry Garcia von den befreundeten Grateful Dead hatte ihm bei der Ankunft am Vormittag einen LSD-Trip ausgehändigt. Santana: „Ich nahm es sofort und dachte, ich hätte genug Zeit, es zu genießen, wieder runterzukommen. Als ich mittags um zwei mit meiner Band früher als geplant auf die Bühne musste, war die Wirkung noch voll da. Meine Gitarre fühlte sich an wie eine Schlange, eine elektrische Schlange. Ich hatte das Gefühl, der Gitarrenhals windet sich. Trotzdem wurde es ein guter Gig, wir wurden gefeiert.“

John Sebastian, der sich gerade von The Lovin‘ Spoonful getrennt hatte und nun solo unterwegs war, stand gleich im Anschluss ebenfalls nicht nüchtern auf der Bühne. Sein zerfaserter Auftritt ging allerdings gründlich daneben. Das muss sogar er selbst gemerkt haben, denn im Anschluss spielte er in einem der Ausnüchterungszelte und fand das besser, als seinen großen Auftritt.

Drei Tage des Friedens und der Musik waren angekündigt. Natürlich bestimmte das Wochenende die Dauer (Freitag, Sonnabend, Sonntag), doch gleichzeitig knüpfte man damit auch an geglückte Festivals an wie das Trips-Festivals vom Januar 1966 oder an das Monterey Pop Festival von 1967. Strukturiert war Woodstock wie die drei Bardos aus Timothy Learys „Psychedelischem Handbuch“. Der erste Tag startete sanft mit Folkmusik, der zweite Tag hob ab mit lauter Rockmusik, und am dritten Tag sollte die Landung mit elektrisch verstärktem Blues einsetzen.

Im Nachhinein wurde von den üblichen Stellen immer mal wieder kritisiert, dass unter den anwesenden Künstlern so wenige Afroamerikaner vertreten waren. Das mag stimmen, aber dafür bekamen sie die markantesten Zeitpunkte. Den Festival-Auftakt machte Richie Havens, der am Folk-Friday Akustikgitarre spielte und aus Mangel an weiteren Songs spontan einen Klassiker improvisierte: „Freedom“. Am Rock-Saturday bildeten Sly & the Family Stone den Höhepunkt und rissen das Publikum von den nicht vorhanden Sitzen: „We Wanna Take You Higher“. Und für die perfekte Landung in der Realität sorgte Jimi Hendrix am Montagmorgen mit seiner Interpretation der Hymne „Star Spangled Banner“.

Insgesamt hielten sich die Psychosen in einstelligem Bereich.

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.