The Orb aka Alex Paterson

Im Alter von 20 nahm Alex Paterson LSD und lauschte zwei neuen Platten: „Großes Wasser“ von Cluster und „Music for Films“ von Brian Eno. Zehn Jahre später erfand er mit seinem Bandprojekt The Orb den Ambient House.

Alex Paterson war ein Schulfreund von Martin „Youth“ Glover, der gerade als Bassist bei einer neuen Band namens Killing Joke angefangen hatte. Durch „Youth“ wurde Alex Roadie bei Killing Joke und kam sowohl mit Musikern als auch mit neuer Musik in Berührung.

Im Jahr 1979 tourte die Band durch Deutschland und machte Station in Neuss, einer Großstadt in NRW („Nüss“). Am gegenüberliegenden Rheinufer lag mit Düsseldorf sowas wie die deutsche Hauptstadt innovativer Musik der Siebziger und Achtzigerjahre. Kraftwerk und Neu! kamen aus Düsseldorf, später La Düsseldorf, Die Krupps und Propaganda. Um den Ratinger Hof in Düsseldorf gruppierten sich DAF, ZK und Mittagspause, aus denen dann Die Toten Hosen und die Fehlfarben hervorgingen.

In dieser Rheinkultur hatte sich bereits ein anderer Brite wohlgefühlt. Brain Eno wandte sich nach dem Ende bei Roxy Music dem Krautrock zu und machte mit den Musikern von Harmonia und Cluster einige Platten. Bei einem unfreiwilligen längeren Aufenthalt auf dem Flughafen Köln-Bonn kam Eno auch die Idee zum Album „Ambient 1: Music for Airports“ – die Musikrichtung Ambient war geboren. (Übrigens, der Flughafen Köln-Bonn wurde von Paul Schneider-Esleben, dem Vater des Kraftwerk-Gründers Florian Schneider, geplant.)

In Neuss also hörte Alex Paterson zum ersten Mal die beiden gerade erschienen Alben „Music for Films“ (1978) von Brian Eno und „Großes Wasser“ (1979) von Cluster. Dem englischen Guardian verriet er 2003: „I dropped acid and listened to these two albums and thought: My God. This is brilliant.“ Durch das LSD fühlte er sich mit der Umgebung verbunden und die Musik ergab einen metaphysischen Sinn:

„Wir befanden uns in einem großen Wohnblock mit Blick auf das Ruhrgebiet. In der Ferne befand sich ein Stahlwerk, und diese riesigen Metallarme zermalmten geschmolzene Steine im Takt der Musik. I’d never seen, or heard, anything like it before. And I was on acid.“

Paterson blieb der Musik treu, als er ab den Achtzigern als DJ unterwegs war. Zusammen mit seinem Jugendfreund „Youth“ und dem Musikproduzenten Andrew Weatherall lebte man in einem Haus im Londoner Stadtteil Battersea und machte oder hörte Musik. Jimmy Cauty von The KLF kam immer öfter vorbei, denn er spielte mit Youth in einer Band.

Alle begeisterten sie für die gerade aufkommende Acid-House-Bewegung. House lebt ganz stark davon, bereits existierende Musikelemente (Samples) zu neuen tanzbaren Tracks aufzubereiten und durch Schleifen (Loops) zu verlängern. Bald legten Jimmy, Youth und Alex gemeinsam auf, in einem Club namens „The Land of Oz“. Dabei entstand die Idee zum „White Room“, einer Zone, in der man sich nach ekstatischem Herumtanzen erholen konnte. In dieser Chill-Out-Zone liefen Ambient und Filmmusiken, die ineinander gemixt wurden.

Jimmy Cauty und Alex Paterson beschlossen, dieses Ambient-House-Konzept in einem Studio zu wiederholen und gründeten dazu das Duo The Orb. Ihre erste Single „A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules from the Centre of the Ultraworld“, hatte nicht nur einen bandwurmartigen Namen, sondern war mit 20 Minuten auch ungewöhnlich lang. Der um ein Sample aus Minnie Rippertons „Loving You“ gebaute Track schaffte es in den Single-Charts immerhin auf Platz 78.

Dann kam es zum Bruch zwischen Cauty und Paterson. Cauty machte mit seinem Duo The KLF weiter und veröffentlichte die Alben „Chill Out“ und „The White Room“. Alex Paterson tat sich mit Youth zusammen und bastelte aus Steve Reich’s „Electric Counterpoint“ und einem wolkigen Interview mit der Sängerin Rickie Lee Jones die Single „Little Fluffy Clouds“. Die Single kletterte nach mehreren Anläufen bis auf Platz 10 der UK-Charts und etablierte die neue Musikrichtung Ambient House auch im Mainstream. Der Rest ist Geschichte.

Und alles begann mit ein paar Mikrogramm am Neusser Rheinufer und zwei Schallplatten. Paterson: „Grosses Wasser by Cluster and Music for Films by Brian Eno are the albums that got me into ambient music in the first place.“

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Übrigens, der Mittelteil von Clusters Stück „Großes Wasser“ klingt unverhofft in Depeche Modes sozialkritischem Lied „Shame“ (1983) an.

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Quelle
– The Guardian: Chills & thrills (2003)
– Guardian-Interview: How we made the Orb’s Little Fluffy Clouds (2016)

Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.