The Rolling Jones

Brian Jones war der erste Rolling Stone, der LSD probierte. Keith Richards folgte 1966 und Mick Jagger 1967. Nebenbei wurde aus der Rhythm-&-Blues-Combo eine veritable Rockband.

Ohne Brian Jones keine Rolling Stones! Brian hatte die Band gegründet, ihr den Namen verpasst und die Richtung gegeben. Im Gegensatz zu den anderen verfügte er bereits über Bühnenerfahrung. Auch hatte er einen Künstlernamen, Elmo Lewis, weil er Slide-Guitar wie sein großes Vorbild Elmore James spielte. Brian zeigte Keith, wie man richtig Gitarre, und Mick, wie man gut Mundharmonika spielt, denn die beherrschte er exzeptionell. Dicke Freunde wurden die drei trotzdem nicht.

Die Rolling Stones starteten als Coverband, die neben schwarzem Rhythm & Blues auch weißen Rock & Roll interpretierte. Die zweite Single der Stones („I Wanna Be Your Man“) war sogar eine Lennon-McCartney-Komposition. Deren B-Seite „Stoned“ deutete darauf hin, dass die fünf Jugendlichen mehr als nur Tabak rauchten. Die Stones als Stoner. Als Urheber war ein gewisser Nanker Phelge vermerkt, den es aber nicht gab, da es sich um ein von Brian Jones ersonnenes Gruppenpseudonym handelte. Doch während Nanker Phelge nicht existierte, gab es immerhin Tantiemen, die gleichberechtigt an alle Gruppenmitglieder ausgeschüttet wurden. Unter Nanker Phelge erschienen in den nächsten Jahren noch weitere Titel, wie „Off the Hook“, „Play With Fire“ und „The Under Assistant West Coast Promo Man“.

Ab 1965, da gab es die Band schon drei Jahre, etablierten sich Jagger und Richards als ernstzunehmendes Komponistenduo. Brian Jones ließen die beiden Schulfreunde außen vor. Dabei besaß Brian die Fähigkeit, sich innerhalb kürzester Zeit jedes nur erdenkliche Musikinstrument (Dulcimer, Tampura, Orgel, Audioharp, Harpsichord, Vibraphon und und und) anzueignen und die Kompositionen der beiden in einzigartige Musikstücke zu verwandeln. Man denke hierbei nur an die Blockflöte in „Ruby Tuesday“, die Marimba in „Under My Thumb“ oder das Mellotron in „She’s a Rainbow“. Was wäre „Paint It, Black“ ohne sein Sitarspiel? Doch statt Nanker/Phelge steht heute Jagger/Richards in den Credits.

Brian tröstete sich mit neuen Freunden, die er in der internationalen Musikszene kennenlernte. Dazu gehörten John Lennon, Pete Townshend, die Byrds, Bob Dylan, Jimi Hendrix und vor allem Eric Burdon von den Animals. Keith Richards offenbarte in seiner Autobiografie: „Etwa zu selben Zeit entdeckte er LSD.“ Das verstärkte die Entfremdung innerhalb der Band, denn Brian war experienced, die anderen nicht. Richards: „Für ihn war LSD keine Droge wie jede andere. Brian begriff sich, seit er mit dem Acid angefangen hatte, als Teil einer Elite. Wie beim Acid Test. Ständig sagte er Sachen wie: Du kannst das nicht verstehen, Mann, ich war auf einem Trip.“

Brian war vom LSD überzeugt und wollte nun andere davon überzeugen. Auf sein Konto geht die Initiation von Eric Burdon sowie dem Animals-Gitarristen Hilton Valentine: „Brian fragte mich, ob ich jemals LSD probiert hätte. Ich verneinte und fragte ihn, was das denn sei. Er meinte, es wäre stärker als Haschisch, und ließ nicht davon ab, mir den Zuckerwürfel aufzudrängen. Wir steckten uns das Zeug in den Mund und gingen danach in einen Club.“

Bemerkenswert ist, wie der langjährige Junkie Keith Richards in der Rückschau die aufkeimende Szene der LSD-Schlucker beschreibt: „Das ist typisch, wenn man Drogen nimmt, man hält sich für was ganz Besonderes. Der Club der Acidheads. Bis du ein Head? fragten einen die Leute, als hätte man dadurch eine besonders herausgehobene Stellung. Dabei hatten die nur irgendwas genommen, was man selbst noch nicht ausprobiert hatte. Was für ein elitärer Schwachsinn.“

„On our first trip I tried so hard to rearrange your mind
But after while I realized you were disarranging mine.“
(The Rolling Stones: 19th Nervous Breakdown)

Irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 1966 schwappte die große Acid-Welle auch über Keith Richards hinweg. Der Einzelgänger gibt der Gruppendynamik die Schuld: „Es ging um den Acid-Test, Ken Keseys Scheißerfindung. Viele fühlten sich zum Einwerfen verpflichtet, obwohl sie gar keine Lust dazu hatten, sie taten es nur, weil sie dazugehören und weiter mit den anderen herumhängen wollten.“

Eine Person, mit der Keith unter Einfluss von LSD auf gar keinen Fall abhängen wollte, war sein begabter Bandkollege: „Wenn man Acid nahm, musste man sich die richtigen Leute aussuchen, sonst konnte es gefährlich werden. Wenn zum Beispiel Brian Acid einwarf, wurde er vollkommen unberechenbar. […] Und das kannst du bei einem Trip überhaupt nicht gebrauchen: dich um Leute kümmern zu müssen, die schlecht draufkommen. Es gab welche, die sich dabei veränderten, die schlimm paranoid wurden oder wahnsinnig nervös oder Angstzustände bekamen. Brian war so einer.“

Ein erstes hörbares Ergebnis der LSD-Experimente der Stones war der Titel „Something Happened To Me Yesterday“, mit dem das Album „Between The Buttons“ endet. Die Jagger-Richards-Komposition ist eine Besonderheit, denn erstmals singt auch Keith: „It’s really rather drippy, but something oh so trippy.“

Am 12. Februar 1967 sollten in Keith Richards Landhaus Redlands auch der unerfahrene Mick und seine damalige Freundin Marianne Faithful in den Kreis der LSD-Adepten aufgenommen werden. Die allgemeine Stimmung war bereits „Post-Acid“, als die Polizei an der Tür klingelte und das Haus durchsuchte. Die Beamten entdeckte Amphetaminpillen, Herointabletten und einen Joint-Stummel. Mick und Keith drohten mehrjährige Haftstrafen. Ein gefundenes Fressen für die Pressen! Die Glimmer-Twins verwandelten die Angst vor Gefängnisstrafen in kreative Energie und schufen mit „We Love You“ eine psychedelische Soundcollage, unterlegt mit sich öffnenden und schließenden Gittertüren.

Im Mai wurde Brian wegen Drogenbesitz verhaftet und im Oktober zu insgesamt zwölf Monaten Haft verurteilt. Dieses harte Urteil konnte jedoch aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens, das ihn als einen „extrem verängstigten jungen Mann mit suizidalen Tendenzen“ beschrieb, zur Bewährung ausgesetzt werden. Mittendrin reiste Brian mit Eric Burdon im Flieger zum Monterey Pop Festival, wo er dem amerikanischen Publikum seinen neuen Freund Jimi Hendrix vorstellte. Eric Burdon erinnert sich: „Wir warfen uns beide Acid ein und sind dann zusammen durch den Zoll. Das war schon aufregend.“ In den USA lernte der Gitarrist mit Methaqualon/Quaaludes ein verhängnisvolles rezeptpflichtiges Beruhigungsmittel kennen, das allgemein als Einschlafhilfe Verwendung fand. Brians Freund Stash Klossowski: „Es war wirklich schlimm, als Brian Downer nahm.“ Nun ging es mit ihm rapide bergab.

Doch vorher spielten die Stones noch die psychedelische Rummel-Platte „Their Satanic Majesties Request“ ein, bei der es sich um eine direkte Antwort auf „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ handelte. Keith bezeichnete das Album gar als „Parodie“. Das Plattencover war bunt, die Musik experimentell und die Vorgehensweise konzeptionslos, wie das spontan zusammengelärmte „Sing This All Together (See What Happens)“ beweist. Die Aufnahmen zogen sich bis Oktober 1967 hin. Mittendrin warf ihr Manager und Produzent Andrew Loog Oldham das Handtuch. Die Leerstelle blieb unbesetzt und TSMR wurde zum ersten selbst produzierten Album der Stones. Ein Juwel psychedelischer Popmusik ist die Singleauskopplung „She‘s a Rainbow / 2000 Light Years From Home“. Die A-Seite ist Barock verspielte Kammermusik, die B-Seite intergalaktische Psychonautik. In beiden Fällen sorgte Brian Jones durch eine originelle Instrumentierung für den entrückten Klang. Er gab noch einmal alles, was er zu bieten hatte.

Aber auch diesmal steuerte er keinen eigenen Titel zum Album bei, im Gegensatz zu Bill Wyman. Der Bassist war als einziger zu einem vereinbarten Aufnahmetermin im Studio erschienen und hatte sich die Wartezeit mit der Arbeit an einem Song verkürzt, seiner ersten eigenen Komposition. Der Arbeitstitel für den Track, dessen Lyrics sich mit dem Aufwachen aus einem Traum und dem Fall in einen neuen beschäftigten, lautete bezeichnenderweise „Acid in the Grass“. Eine Single mit diesem Titel hätte es nicht ins Radio geschafft, darum wählte man einen anderen: „In Another Land“.

Für Keith war LSD „eine sehr unsichere Angelegenheit“, vor allem wegen der Horrortrips, die ihn plagten: „Man verspürt heftige Angst, ohne zu wissen, wovor eigentlich. Deshalb kann man sich auch nicht dagegen wehren, doch je tiefer man da reingerät, desto schlimmer wird es.“ Der Gitarrist wurde vernünftig, ließ die Hände vom LSD und nahm stattdessen Kokain und später Heroin.

„Beggars Banquet“ war das letzte Album, an dem sich Brian beteiligte, gut hörbar an der traumhaften Slideguitar im prophetischen Abschiedslied „No Expectations“. Mittlerweile hatte man sich von psychedelischen Klangexperimenten verabschiedet und war zum Rhythm & Blues zurückgekehrt. Brians letzter Auftritt mit seiner Band war das TV-Special „Rock & Roll Circus“ vom 10./11. Dezember 1968. Im Juni 1969 gaben die Rolling Stones die Trennung von ihrem Bandgründer bekannt. Den vielseitigen Multiinstrumentalisten ersetzten sie durch den ebenso talentierten Gitarristen Mick Taylor. (Der verließ die Band im Dezember 1974, u.a. weil er keine Credits für seine Beiträge bekam; bei den Stones gab es anscheinend keinen Platz für einen zweiten Mick.) Einen Monat nach der Kündigung schwamm Brians Leiche im Swimmingpool. Offizielle Todesursache: Tod durch Ertrinken.

»It was a normal day for Brian
Rock and Roll’s that way
It was a normal day for Brian
A man who died every day.«
(Pete Townshend)

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Quelle:
– Paul Trynka: Sympathy For The Devil, Höfen 2015.
– Keith Richards, James Fox: Life, München 2010.

Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.