Stewart Brand

Die Hippies glaubten, LSD könne das Bewusstsein der ganzen Menschheit verändern; die Hacker erhofften sich dasselbe vom Computer. Stewart Brand brachte Haight Ashbury ins Silicon Valley und so Gegen- und Cyberkultur zusammen.

Das erste Farbfoto der Erde, aufgenommen 1967 vom Satelliten ATS-3 (NASA)

Stewart Brand war ein begabter Netzwerker, ein Hans Dampf in allen Gassen, und s ist ein Wunder, dass r hierzulande so unbekannt ist. Brand tauchte in Tom Wolfes Doku-Roman „Der Electric Kool-Aid Acid Test“ (zimelich am Anfang) ebenso auf wie bei Douglas Engelbarts epochaler „Mother of All Demos“. Bei letzterer assistierte er Doug Engelbart während der Präsentation der ersten Computermaus, der ersten Videokonferenz sowie weiterer PC-Innovationen, die uns heutzutage so vertraut sind.

Eigentlich kann man sagen, dass Stewart Brand das Internet erfunden hat. Von 1968 bis 1971 brachte Brand den „Whole Earth Catalog“ heraus. Steve Jobs bezeichnete den Katalog als analogen Vorläufer von Suchmaschinen wie Google und zitirte häufiger dessen Abschiedsworte „Stay hungry. Stay foolish.“ („Bewahrt eure Neugier! Bewahrt eure Naivität!“) In dem ominösen Katalog wurden Technologien und Produkte vorgestellt, die innovativ, erschwinglich, von guter Qualität und mit der Post verschickbar waren. Do it yourself lautete die übergreifende Devise. Im Vorwort gab sich Brand visionär:

„Ein Bereich intimer persönlicher Macht entfaltet sich – der Macht des Individuums, seine eigene Umwelt zu formen und sein Abenteuer mit denen zu teilen, die interessiert sind. Werkzeuge, die diesen Absicht unterstützen, werden vom Whole Earth Catalog gesucht und gefördert.“

Am 10. Dezember 1962 schluckte Brand im Rahmen einer Studie und unter der Aufsicht von James Fadiman erstmals LSD. Zuvor hatte Brand bereits in einem Indianerreservat an einer Peyote-Zeremonie teilgenommen und eine Meskalin-Erfahrung gemacht. Aus dem studierten Biologen und Ex-Offizier wurde ein Ökologe und Merry Prankster.

Im Januar 1966 fand in San Francisco das Trips Festival, der größte öffentliche Acid-Test, statt. Ein Multimediaspektakel mit Livemusik, technischen Spielereien wie Lichteffekten und Starkstrombrause. Auf dem Festival gaben die Grateful Dead, Big Brother & the Holding Company sowie die Impresarios Chet Helms und Bill Graham (*1931 in Berlin) ihr Debüt. Die Idee für das Hippie-Happening stammte von Stewart Brand und Ramón Sender, dem Mitbegründer des San Francisco Tape Music Center.

Im Verlauf des Jahres 1966 unternahm Brand einen nachhalltigen LSD-Trip, der in der Forderung an die NASA mündete, endlich ein Foto von der Erde zu veröffentlichen. Dazu fertigte er Buttons und verteilte sie in der Hauptstadt Washington.

„Ich nahm ein paar Mikrogramm LSD und verbrachte den Tag in eine Decke eingekuschelt auf dem Dach. Da bemerkte ich, dass die Gebäude in der Innenstadt von San Francisco nicht parallel zueinander waren. Sie divergierten leicht – eine psychedelische Standardillusion. Aber gleichzeitig dachte ich, da die Oberfläche der Erde ja gekrümmt ist, müssen sie leicht divergieren, besonders am äußeren Rand. Und ich konnte das aus meiner Höhe von 200 Mikrogramm und drei Stockwerken sehen. Aber ich könnte das noch viel besser erkennen, wenn ich weiter oben wäre. Ab einer gewissen Höhe schließt sich der gekrümmte Horizont und man erhält das Bild der Erde als Ganzes. Deshalb habe ich die Anstecker gefertigt und ab der Woche darauf verkauft. Ein Haufen davon landete bei der NASA, und einige meinen, sie könnten Einfluss auf die Fotos gehabt haben, die wir dann von Apollo 8 bekommen haben.“

Erdaufgang, 1968, aufgenommen von William Anders, Apollo 8 (NASA)

Die aktuellen Ganzkörperaufnahmen der Erde kamen auf die jeweilige Titelseite des „Whole Earth Catalog“ – daher der Name Bratkartoffel. Die letzte Ausgabe von 1971 wurde sogar mit einem National Book Award ausgezeichnet.

Seinen letzten LSD-Trip unternahm Brand nach eigener Aussage 1969 – einfach mal das obige Youtube-Video zu Ende schauen.

Mitte der Achtziger starteten Larry Brilliant und Stewart Brand mit The WELL (Whole Earth ‘Lectronic Link) die erste echte Online-Community. The WELL war eine Art frühes Facebook, wo sich Hacker über Programme und Fans der Grateful Dead zu Live-Mitschnitten und anderen Bootlegs austauschten. Hier trafen wieder einmal Gegen- und Cyberkultur aufeinander.

Zuletzt setzte sich Brand für die „Wiederherstellung“ bereits ausgestorbener Tierarten mittels Klonen ein. Auf den ersten Horch klingt das nach Jurassic Park, aber Brand und die um ihn versammelten Wissenschaftler konzentrieren sich eher auf verschwundene Tierarten aus dem Zeitalter des Anthropozäns, wie zum Beispiel den Auerochsen oder die Wandertaube.

Quelle
– John Markoff: What the Dormouse Said, New York 2005.
– Bill Graham: My Life Inside Rock And Roll, Cambridge, MA 2004.
– Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test, München 2009.
– Walter Isaacson: Steve Jobs. Die autorisierte Biografie, München 2012.
– Jesse Jarnow: Heads. A Biography of Psychedelic America, Philadelphia 2015.

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.