Cary Grant

Mehrere Hollywoodstars nahmen aus therapeutischen Gründen LSD. Der erste, der sich öffentlich dazu bekannte, war Cary Grant.

Ende der Fünfzigerjahre kannte man Cary Grant aus Kinofilmen wie „Arsen und Spitzenhäubchen“, „Liebling, ich werde jünger“ oder Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“. Der gut aussehende Brite mit dem Grübchen am Kinn konnte sich in Hollywood dauerhaft als smarter Gentleman etablieren. Dann offenbarte Grant den Magazinen Look und Good Housekeeping, dass er seit November 1958 zu therapeutischen Zwecken LSD nehme, und die Nation horchte auf.

Dank der LSD-gestützten Psychotherapie habe er neue Einsichten in sein Leben und sein Verhältnis zu Frauen gewonnen. Besser noch, er fühle sich sogar wie neu geboren. „All die vertanen Jahre“, meinte der 54-jährige Hollywoodstar, „warum habe ich das nicht früher gemacht?“

Den ersten Schritt tat jedoch Grants Noch-Ehefrau. Betsy Drake wandte sich 1958 an das Psychiatric Institute of Beverly Hills, der Gemeinschaftspraxis von Mortimer A. Hartman und Arthur L. Chandler. Dort gab man ihr eine Pille, und sie erkannte „zum ersten Mal die wahre Realität in mir selbst”. Nach mehreren Sitzungen empfahl Betsy Drake ihrem Gatten ebenfalls eine LSD-Therapie, um ihre bestehende Ehekrise zu lösen.

Nach einer Anamnese, die eventuelle Psychosen von vornherein ausschließen sollte, legte sich der Hollywoodschauspieler mit einer Augenbinde auf die Couch und reiste zu sanfter Musik durch die Sphären seines Unterbewusstseins. Die Dosis blieb moderat, mystische Einsichten oder außerkörperliche Erfahrungen waren bei Hartman nicht erwünscht. LSD sollte lediglich verdrängtes Material freisetzen. Alle Äußerungen des Patienten wurden während der Innenreise mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet, um sie hinterher nach psychologischen Gesichtspunkten auszuwerten.

So kam Grant über Jahre am Samstagvormittag in die Praxis und verließ das Haus im Laufe des Nachmittags. Für die Heimfahrt sorgten Freunde oder Bekannte. Satte 100 US-Dollar kostete das bunte Nachmittagsprogramm.

Zurück zu Grant. Der Weltmann hieß in Wirklichkeit Archibald Leach und stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Als Archie zehn Jahre alt war, verschwand seine Mutter von einem Tag auf den anderen. Der Vater hatte sie in eine Nervenanstalt einweisen lassen, erzählte dem Jungen aber, sie sei verreist, und später, sie wäre tot. Das sollte Grants Verhältnis zu Frauen nachhaltig beschädigen. Durch die Einnahme von LSD poppte dieses kindliche Trauma wieder ins Bewusstsein und Grant erkannte selbstkritisch: „Ich hatte bei jeder meiner Frauen den Fehler gemacht, zu glauben, sie sei so etwas wie meine Mutter.“

Die wesentlichste Erfahrung seiner ersten Sitzungen: „Als ich mit dem LSD anfing, wälzte ich mich unruhig auf dem Sofa. Ich fragte den Arzt, warum ich mich denn die ganze Zeit herumwälzen müsse. Der Arzt meinte, weil du nicht damit aufhörst. Das war wie eine Offenbarung für mich, ich erkannte schlagartig, dass ich für meine Taten allein verantwortlich bin.“

Diese Anekdote ist ein gutes Beispiel für die Wirkung des LSD, alltägliche Situationen in einem neuen Licht zu betrachten und aus scheinbar einfachen Sätzen tieferliegende Botschaften herauszuhören.

Obwohl die LSD-Therapie sowohl für Betsy als auch für Cary hilfreich war, ließen sie sich nach 13 Jahren Ehe scheiden; sie blieben aber befreundet. An über 100 LSD-Sitzungen will Grant insgesamt teilgenommen haben, bevor die Substanz verboten wurde: „Mein Ziel bei der Einnahme von LSD war immer, mich selbst glücklich zu machen“, sagte er einem Journalisten der New York Times, „man wäre ein Dummkopf, wenn man etwas nähme, das einen unglücklich macht.“

Quelle
– Alexander Fromm: Acid ist fertig!, Berlin 2016.
– Wayne Glausser: LSD-Lexikon, Solotörn 2018.

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.