Vince Taylor & the Playboys

Vince Taylor brachte den Rock’n’Roll nach England und Frankreich und holte sich dabei eine Drogenpsychose. David Bowie ließ sich von Taylors Karriere zu seiner Kunstfigur und dem Konzeptalbum „Ziggy Stardust (& the Spiders from Mars)“ inspirieren.

Vince Taylor wurde zwar als Brian Holden in England geboren, ist aber in den USA aufgewachsen, wo er recht zeitnah mit dem Rock’n’Roll in Berührung kam. Als 18-jähriger kehrte er auf die Heimatinsel zurück und tourte als Gene-Vincent-Verschnitt mit Haartolle und im schwarzen Leder-Outfit durch die Lande. Mangelndes Gesangstalent konnte der „Black Leather Rebel“ durch seine Bühnenpräsenz, taktgenaues Schattenboxen und typisches Gehabe wettmachen. Mitglied in seiner Band war übrigens Balthus-Sohn und Stones-Intimus Stanislas Klossowski de Rola. Zum größten Hit von Vince Taylor & his Playboys entwickelte sich die Single „Brand New Cadillac“. Sie wurde später sogar von The Clash gecovert.

Drogen wie Alkohol und Pillen grundsätzlich nicht abgeneigt, schluckte der Rocker im Mai 1964 auf einer Londoner Party zu Ehren von Bob Dylan erstmalig LSD. Taylor sollte sich davon nicht mehr richtig erholen. War es genetische Veranlagung? Gab es Wechselwirkungen mit anderen Substanzen? Die Umstände sind nur bruchstückhaft bekannt.

Am darauf folgenden Wochenende hatte Vince Taylor einen Gig in Paris, wo er völlig derangiert und mit einer Flasche „Mateus Rosé“ eintraf. Seinen verdutzten Bandkollegen stellte er sich als Apostel Matthäus vor. Auch bezeichnete er sich ernsthaft als Sohn von Jesus Christus und kommender Messias. Als ihn seine Band nach dem Geld für die ausstehende Hotelrechnung fragte, erwiderte Taylor-Matthäus, Geld stünde für das Böse in der Welt und begann, Geldscheine zu verbrennen. Beim anschließenden Auftritt betrachtete der Messias sein Publikum als Gemeinde, die er zum wahren Glauben bekehren könne.

Trotz dieser Psychose nahm Taylor weiterhin LSD, Pillen und Alkohol. Er wurde obdachlos und lebte in einer Parallelwelt mit Engeln und Außerirdischen. Der junge David Bowie traf den entrückten Rocker mehrmals auf der Straße: „Vince Taylor war ein Albtraum. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob er sagte, er sei ein Außerirdischer oder Gottes Sohn, aber vermutlich war er ein bisschen von beidem. Er trug ständig irgendwelche Europakarten mit sich herum, und ich kann mich ziemlich gut daran erinnern, wie er eine davon direkt vor der U-Bahnstation auf dem Bürgersteig ausbreitete und sich mit einem Vergrößerungsglas darauf kniete. Dann zeigte er mir die Stellen, wo in den kommenden Monaten UFOs landen würden.“

Bowie war so sehr von dem Typus des abgehalfterten Rockstars angetan, dass er den „leper messiah“ mit Marc Bolan, Iggy Pop und Lou Reed verquirlte und als Kunstfigur „Ziggy Stardust“ auf dem gleichnamigen Album unsterblich machte. Der BBC offenbarte Bowie einmal:

„Vince Taylor war wirklich einer der wichtigsten Bausteine bei der Konstruktion der Ziggy-Figur. Er wirkte wie von einem anderen Stern und war definitiv die Blaupause für diese seltsame Kunstfigur aus dem Nirgendwo.“ Bemerkenswerterweise entwickelte sich Bowie parallel ebenfalls zu einem abgehalfterten Drogenwrack, was ihn beinahe die Karriere gekostet hätte.

Quelle
– David Bowie: Wie ich Ziggy Stardust erfand, aus: Moonage Daydream, in: DIE WELT vom 8.1.2018.
– BBC Radio 4 Extra: Ziggy Stardust Came from Isleworth, 7.4.2016.
– Andy Roberts: Albion Dreaming, London 2012.
– Marc Spitz: David Bowie, Hamburg 2010.

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.