Kraftwerk und Neu!

Wenn man bei Krautrock einige Buchstaben austauscht, landet man bei Kraftwerk. Nur wenige Fans wissen, dass die Elektropioniere aus Düsseldorf auch als Krautrocker angefangen haben.

Bevor Kraftwerk mit ihrem elektronischen Album „Autobahn“ (1974) um die Ecke kamen, hatten sie bereits zwei experimentelle und nach sich selbst benannte Platten eingespielt. Diese Alben zählt die Band heute jedoch nicht zu ihrem Kanon. Dabei erreichte das Instrumentalstück „Ruckzuck“, mit dem die Band ihr Debütalbum eröffnete, als Erkennungsmelodie der ZDF-Sendung „Kennzeichen D“ regelmäßig ein deutsch-deutsches Millionenpublikum.

Wie in quasi allen Krautrockkapellen war auch bei Kraftwerk die chemisch induzierte Bewusstseinsveränderung nicht unbekannt. Eberhard Kranemann, von 1970 bis 1971 Bassist bei Kraftwerk, schwärmt von dieser Zeit: „Mensch, wir haben früher zusammen Joints geraucht oder bei Florians Vater nackend im Schwimmpool gesessen. Joints, LSD, alles rein und dann dem Vater den Sektkeller leergesoffen – das war toll!“ Der Künstler Kranemann wird es auf die Synästhesien abgesehen haben, denn parallel zu den Klangfarben in der Musik experimentierte er mit Farbklängen in der abstrakten Malerei.

Die Kernkraftwerker Ralf Hütter und Florian Schneider verabschiedeten sich jedoch bald vom üblichen Trommelworkshop und setzten zunehmend auf die Berechenbarkeit elektronischer Klangmaschinen. Parallel zu Tangerine Dream in Berlin entwickelten sie im Düsseldorfer Klingklangstudio ihre Vorstellung einer Zukunftsmusik.

Klaus Dinger (Schlagzeug), Michael Rother (Gitarre) – und auch Eberhard Kranemann – verließen Kraftwerk 1971 und wagten den musikalischen Neu!-Anfang. Mit dem gleichnamigen Bandprojekt entstanden stoisch durchgetrommelte Stücke wie „Hallogallo“, „Negativland“ oder „E-Musik“.

Klaus Dinger: „Bestimmte Elemente unserer Musik würden ohne LSD fehlen. Und Leute, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, sind eben ganz andere Menschen.“

Michael Rother: „Klaus und ich haben ja nicht über unsere jeweiligen Visionen gesprochen, das lief nonverbal. Ich hatte den Wunsch, wie ein Surfer auf einer Welle nach vorne getragen zu werden; eine Welle, die eine Form von Endlosigkeit ausdrückt. Formen, die ich aus meiner Jugendzeit aus der indischen und pakistanischen Musik kenne. Das sind Musikformen, die nicht nach drei Minuten zu Ende sind, sondern die immer weiterzugehen scheinen, endlos.“

Karl Bartos war von 1975 bis 1991 Mitarbeiter im Kraftwerk und wirkte an Titeln wie „Tour de France“ und „Das Model“ mit. Bartos lernte die Krautrockdroge LSD jedoch bereits vor seiner Kraftwerk-Zeit kennen. Er traf sich öfter mit Bodo Staiger, einem Freund aus dem Umfeld von Marius Müller-Westernhagen, zu gemeinsamen „Hörpartys“. Dabei legten sie die neuesten Schallplatten auf und kommentierten diese. Dazu kreisten Joints. Zum Sound von „Electric Ladyland“ und „Monster Movie“ hatte Bartos dann seine LSD-Initiation:

„Wie im Lehrbuch der Pharmaindustrie beschrieben löste die Musik bei mir zuerst Farbexplosionen aus. Dann hatte ich das Gefühl – und ich war sicher, alles sei Realität und keine Illusion –, völlig schwerelos durch einen unendlichen Raum zu schweben. Besser ausgedrückt: Die Musik verwandelte sich in diesen Raum, durch den ich schwebte. Also befand ich mich im Inneren der Musik selbst. Niemals zuvor, so schien es, hat sich mir der Sinn von Musik so erschlossen wie in diesem Augenblick. Aber nicht nur der Sinn der Musik. Im Grunde war mir klargeworden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, jedenfalls solange die Wirkung der Droge anhielt. Ob diese Wahrnehmung Sekunden, Minuten oder Stunden dauerte, kann ich nicht einschätzen. Die Zeit war für mich stehen geblieben.“

Der Mitreisende Bodo Staiger gründete 1980 unter dem Einfluss von Kraftwerk und La Düsseldorf die NDW-Band Rheingold. Die von Conny Plank produzierte Single „Dreiklangsdimensionen“ wurde der größte Erfolg des Trios.

Quelle
– Karl Bartos: Der Klang der Maschine. Köln 2017
Electri_City. Elektronische Musik aus Düsseldorf, Berlin 2014
– Michael Rother (Interview): „Wie ein Surfer auf der Welle reiten“.
– Christoph Dallach: Zwei Egos müsst ihr sein. (KulturSPIEGEL 7/2001)

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.