Krautrock

Zu Beginn der Siebzigerjahre kam aus deutschen Landen eine Art Anti-Pop, den man heute Krautrock nennt. Einzige Gemeinsamkeit: viel Geräusch mit wenig Text. Krautrock hatte einen großen Einfluss auf andere Musiker, blieb jedoch ein Nischensegment.

Sowohl beim Betrachten der Plattenhüllen als auch beim Anhören wird schnell klar, dass die Krautrock-Kollektive während ihrer Wanderungen durch unendliche Soundlandschaften selten nüchtern gewesen sein dürften. Da muss mehr in der Proviantbrause gewesen sein als nur Zucker.

Die Internationalen Essener Songtage vom September 1968 gelten gemeinhin als Geburtsstunde einer eigenständigen westdeutschen Rockmusik. Dem anwesenden Rainer Langhans blieb vor allem eine Musikerkommune im Gedächtnis: „Der Auftritt von Amon Düül in der Gruga-Halle ging ziemlich schief, weil alle auf Acid waren und einfach nicht zusammenkamen. Völlig verrückter Sound.“

Uschi Obermaier: „Vor dem Gig haben wir wieder einen Trip geschmissen, der sich aber als viel stärker erwies, als wir angenommen hatten. Als die Zeit für unseren Auftritt gekommen war, wussten wir nicht einmal mehr, auf welche Bühne wir sollten. Dann wusste keiner mehr, was er spielen sollte. Wir versanken in totalem Chaos, das wir nicht in den Griff kriegten.“

Im Jahr darauf veröffentlichten Amon Düül ihre Debüt-LP „Psychedelic Underground“ mit Titeln wie „Ein Wunderhübsches Mädchen träumt von Sandosa“ und „Der Garten Sandosa im Morgentau“. Die Schweizer Pharmafirma Sandoz war der Hersteller von pharmazeutisch reinem LSD.

Im selben Jahr pressten auch die Genossen von Can („Monster Movie“) und Xhol Caravan („Electrip“) ihre Debütalben heraus. Auf ihrer nachfolgenden Single „She Brings the Rain“ groovten Can ungewohnt jazzig daher „magic mushrooms out of dreams“. Die Krautrocker von Guru Guru packten sogar einen „LSD-Marsch“ auf ihr Debütalbum „UFO“ (1970).

Brainticket aus Belgien steigerten das Ganze, indem sie mit einem angeblich vertonten LSD-Trip debütierten. Die Plattenhülle von „Cottonwoodhill“ warnt mit folgendem Hinweis: „Here is your Brainticket, good for one round trip to your inner sun, that place where the world is yet unformed. Listen as the hallucinations of reality rise out of the grooves. It’s a strong trip. If you think you can handle it, get on!“

Die Berliner Experimentalrocker vom Ash Ra Tempel setzten die Theorie vom vertonten Freakout 1972 in die Praxis um. Das Album „Seven Up“ entstand unter dem Einfluss von Acid-gepitchter Limonade in der Schweiz. Den Treibstoff hatte der flüchtige Timothy Leary höchstselbst gesponsert. Hinterher konnte sich Leary nicht mehr so recht erinnern, denn in seiner Autobiografie ließ er lediglich den Satz fallen: „Ich habe eine Rock’n’Roll-Platte gemacht mit einer deutschen Techno-Rockgruppe.“

Damit ist eigentlich das Meiste gesagt.

Quelle
– Wolfgang Seidel: Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, ­Reeducation, Mainz 2016
– Rainer Langhans: Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre. München 2008.
– Uschi Obermaier: High Times. Mein wildes Leben, München 2007.
– Timothy Leary: Denn sie wussten, was sie tun. München 1997.

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Veröffentlicht von

andileser

Ich bin außer mir.